DSCHIHAD ONE-WAY

ow1 300Das mobile Theater Hof inszenierte am 16.03.2017 im Berufskolleg Hattingen die Zugkraft des „Heiligen Krieges“

Chaos auf der Bühne im vollbesetzten Forum des bkh. Ein umgestürzter Tisch, Scherben auf dem Boden. Ein einsames Mikrophon. Die Hinterlassenschaften einer aus den Fugen geratenen Pressekonferenz. Da kochten wohl die Emotionen so hoch, bis der Deckel knallte…“Gewalt ist ja auch keine Lösung“. Einer der ersten Sätze auf der Bühne von Berufsschauspieler Alexander Wipprecht weist darauf hin, dass es im Folgenden auch um die Beantwortung von Fragen, das Bedürfnis nach Klärung, nach Verstehen gehen wird.

 

Wipprecht spielt den Vater eines Jungen, im Stück Lukas D. genannt, der in den „Heiligen Krieg“, den Dschihad gezogen ist. Das Stück geht auf ein reales Schicksal zurück. Ein 17-Jähriger aus Kempten im Allgäu zog als radikalisierter Dschihad-Kämpfer nach Syrien und wurde dort getötet.

Aber ob am Ende wirklich eine Klärung des Warum gelingt? Wipprecht als Vater schlüpft dafür in die unterschiedlichsten Rollen. Als Pressesprecher der Stadt Ratingen begrüßt er die Konferenzteilnehmer. Er äußert sich als Kommissar Vetter zur Thematik, ebenso in der Rolle eines Verfassungsschutzvertreters und des Oberbürgermeisters. Die „Floskeln“ sind den Zuhörern hinlänglich bekannt. Geschmeidige Formulierungen, von Wipprecht verbal und körpersprachlich überspitzt zum Ausdruck gebracht, die das „Politiker- und Beamtendeutsch“ karikieren und damit das Nichtssagende darin nur umso eindringlicher verdeutlichen. Mit diesem „bla-bla-bla“ ist kein Blumentopf an Erhellung zu gewinnen. Alle Beteiligten bemühen sich um Betroffenheitsbezeugungen, die allerdings auch nur ihre Ratlosigkeit spiegeln, gleichzeitig aber doch auf ihren engagierten Einsatz zur Klärung des Phänomens Lukas D. verweisen wollen.

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Kein Phantom, sondern zu häufig Wirklichkeit: Dschihad ONE-WAY Das Foto ist Teil des pädagogischen Begleitmaterials von „Junges Theater Hof“.

Cut. In einem eingespielten Film äußern sich Schüler u.a. dazu, warum Jugendliche ihrer Meinung nach IS-Kämpfer werden. Als Beispiele nennen sie „Spaß am Töten, die Lust Leid zuzufügen, Vergeltung für selbst erlittenes Unrecht“. Aber wie sind Videos zu erklären, in denen rekrutierte IS-Dschihadisten den Kopf eines Menschen in die Kamera halten, der soeben mit einem Schwert vom Rumpf getrennt wurde? Explosiv fällt die Kritik des Schauspielers in seiner Rolle an den zahlreichen Regierungen - auch an der deutschen - aus, die Waffengeschäfte mit den „Schurkenstaaten“ ermöglichen und ihr eigenes Staatsgebiet damit zum „Kriegsgebiet“ machen. Schwenk und Wechsel in die Rolle der Mutter, die den Wandel ihres Sohnes im wahrsten Sinne des Wortes nicht fassen kann. „Lukas ist eigentlich nicht so“. Ihr Verweis auf die humanistischen Werte, mit denen der Junge groß geworden ist, mutet völlig hilflos und fehl am Platze an. Die Darstellung der hier-ist-die-Welt-noch-in-Ordnung-Atmosphäre von Ratingen-Hösel mit spießiger Eigenheim- und sport-utility-vehicle-Romantik, in der Lukas groß geworden ist, ist vielleicht ein Indiz dafür, dass da Langeweile aufgekommen sein könnte für den Jungen. Alles zu glatt? Zu reizarm? Ein Verzweifeln an der Beliebigkeit von Werten?

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Schauspieler Alexander Wipprecht

Oder fehlte Lukas vielleicht die innere Stabilität, verursacht durch die Trennung der Eltern? Bedingungslose Mutterliebe, gepaart mit Selbstzweifeln bei gleichzeitigen Selbstentlastungsversuchen wie: „Der Junge ist schon groß“ beschwören das mütterliche Blut-ist-dicker-Credo. Oder ist eine Erklärung in Lukas´ evangelischer „liberaler“ Glaubenszugehörigkeit zu finden? Wipprecht chamäleonisiert in die Rolle des zutiefst unsicheren Vaters. War er etwa zu cool, zu oberflächlich? Ist Lukas´ Wandlung zum IS-Kämpfer also ein Schrei nach Aufmerksamkeit gewesen? Wie kann er zeigen, dass er seinen Sohn liebt? War es eine Art „Wiederholung“ des großväterlichen Kanonenfutter-Schicksals in der Nazi-Zeit? Spielte der so oft für Jugendliche wichtige Heldenstatus eine Rolle? Oder der Wunsch nach Manifestation einer „ich-bin-wer“- Sehnsucht, die einem Mangel an Identitätsgefühl und verlässlicher Zusammengehörigkeit entspringt? Lag Lukas´ Wandlung an der geregelten Regellosigkeit, in der sein Leben stattfand? Seine Worte: „Du hast keinen Halt und da gibt dir einer Sicherheit. Sich überhaupt mal zu was bekennen, das ist doch gut!“, könnten darauf schließen lassen.

Klar wird: Der Vater wollte begreifen - hat sich daher selbst nach Syrien begeben und festgestellt: Die Einreise vieler junger Menschen in dieses Land erfolgt mit gefälschten Papieren und mit Hilfe von Schleusern über die Türkei. „Einmal DSCHIHAD ONE-WAY“ – ohne Rückfahrkarte…. Seine Recherchen zeigen: Die „Rekruten“ müssen Handys, Pässe, Uhren abgeben und sind stundenlangen Verhören ausgesetzt. Ihre „Ausbilder“ wissen bereits alles über sie. Privatsphäre ist von jetzt an gestrichen. Die Gruppen werden nach Nationalitäten getrennt. Man lernt, wie man tötet. Brutales ist gepaart mit Banalem. Freitags gibt’s Pepsi und Schokolade und nachmittags dann nach dieser Ankurbelung von „Glückshormonen“ Übungen mit der Kalaschnikow. Etwas mehr als 4 Wochen dauert das Training zum „sich-selbst-Abtöten“. Dazu gehört die Gewöhnung an abgeschlagene Köpfe. Den Verlust von fast 50 Freunden durch Selbstmordattentate erlebte Lukas, so erzählt der Vater. Diese waren überwiegend europäische Ausländer. Weil die „nicht echt“ sind, also „entbehrlich“ und damit sowieso überflüssig. Stück für Stück schält Wipprecht aus den Empfindungen des Vaters die Unfassbarkeit der von seinem Sohn erlebten Grausamkeiten heraus, die jede Vorstellung von Menschlichkeit sprengen. So wertet er zum Schluss die Tatsache, dass Lukas´ Name später auf einer Todesliste auftaucht, als eine „gute Nachricht“. Damit dieses unsägliche Leiden für seinen Sohn, aus dem es kein Entrinnen gab, nicht noch länger dauern musste. Das sagt eigentlich alles!

„Die Antwort auf die Frage nach dem Warum muss man schuldig bleiben“, so steht es in dem theaterpädagogischen Begleitmaterial des Stückes. „Wir können nicht in die Köpfe derer schauen, die sich radikalisieren und eventuell umkommen. Letztlich wissen nur die Jugendlichen selber, warum sie diesen Weg einschlagen“. Oder eben auch nicht…. – bliebe zu ergänzen.

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Autor und Regisseur Bernd Plöger bei der anschließenden Fragerunde (Foto: bkh)

Hochachtung und ein großer Dank des bkh gilt dieser beeindruckenden dokumentarischen Spurensuche des mobilen Theaters Hof! Hut ab für Berd Plöger, den Autor und Regisseur, der die Klassen bereits zwei Tage vor der Aufführung in das Stück einführte. Chapeau auch für Alexander Wipprecht angesichts seines eindringlichen Monologstücks und seiner geschmeidigen Verwandlungskunst! Danke für das exzellente theaterpädagogische Begleitmaterial zur Vorbereitung der Klassen auf das Stück im Unterricht! Und ganz zum Schluss noch eine Bitte an das Duo Plöger/Wipprecht: Bleiben Sie weiterhin am Ball und schreiben/spielen Sie noch viele weitere solcher „ans Eingemachte“ gehenden Werke!!!

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