Flucht und Migration

Migration ist, unter anderem, dadurch geprägt, dass der Fokus nun auf der Zielgesellschaft liegt: Wo, wann kann ich einen Deutschkurs belegen? Welche Formalitäten muss ich erledigen? Wo kann ich Hilfe erhalten? Welche beruflichen Möglichkeiten habe ich? Wie, wo, wann kann mein Kind beschult werden?

Das Ankommen in der Zielgesellschaft bedeutet gleichzeitig, dass zunächst, nicht nur das eigene sozio-kulturelle Erbe, sondern ein Großteil der eigenen Identität weit in den Hintergrund rückt.

Schülerinnen und Schüler am Berufskolleg trifft dies besonders eklatant. Aufgrund ihrer Altersstruktur, 16-19 Jahre, sind sie bereits in ihrem Heimatland verwurzelt gewesen. Eine sozio-kulturelle Teilhabe, teilweise eigenständig, wurde wahrgenommen. Nun ist ihr (Schul)Alltag davon geprägt Deutsch zu lernen und sich mit den sozio-kulturellen Gepflogenheiten vertraut zu machen und die eigenen Handlungen danach auszurichten. Es entsteht ein Gefühl der Wertlosigkeit: Kaum etwas von dem was ich kann, gelernt habe oder eine Norm darstellt hat in der Zielgesellschaft einen Wert beziehungsweise wird positiv berücksichtigt. Das Gehirn arbeitet täglich auf Hochtouren, sowohl in Bezug darauf eine neue Sprache zu erlernen, als auch in Bezug darauf neue sozio-kulturelle Norm- und Wertvorstellungen zu adaptieren.

Das Schulprojekt Flucht und Migration soll den Gefühlen der Wertlosigkeit und Überforderung entgegenwirken. Die Jugendlichen haben die Möglichkeit erhalten sich intensiv mit ihrer eigenen Migrationsgeschichte auseinanderzusetzen und diese künstlerisch darzustellen. Ursprünglich war nicht angedacht, dass die künstlerische Darstellung textbasiert erfolgt. Doch im Laufe des Reflexionsprozesses haben die Jugendlichen festgestellt, dass sie primär Möglichkeiten für ihre Zukunft beleuchten wollten, statt dem Wieso, Weshalb, Warum der Vergangenheit. Der Kernbestandteil ihrer Zukunft sei die deutsche Sprache, da sie der Dreh- und Angelpunkt in Bezug auf gesellschaftliche Teilhabe sei. Aus diesem Selbstverständnis heraus entschieden sich die Jugendlichen gegen ein klassisches Kunstprojekt (Malerei) zugunsten einer, ihrem leistungsstandentsprechenden Stand, textbasierten Fotoportraitarbeit.

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Die Projektvorstellung wurde am 21.06.22 von Bürgermeister Dirk Glaser im Hattinger Rathaus eröffnet. Dort verbleiben sowohl die Werke, als auch der Begleittext. Anschließend werden die Werke bei weiteren Kooperationspartnern ausgestellt (Holschentor, Bibliothek).

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