„Demokratie für mich“ – Ein Erfahrungsbericht (Teil 2 und 3)

Kürzlich haben wir darüber berichtet, dass sich das Berufskolleg Hattingen in diesem Schuljahr an dem Bildungsvorhaben "Demokratie für mich" der Landeszentrale für politische Bildung NRW beteiligt sowie Rahmenbedingung und Intentionen dargelegt hat. Das Projekt dient der Wertevermittlung sowie dem Demokratie- und Sprachlernen an Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen. Junge Zugewanderte werden bei "Demokratie für mich" mit den grundlegenden Werten des Zusammenlebens in unserem Land vertraut gemacht.

 

„Demokratie für mich“ – Ein Erfahrungsbericht (Teil 2)

Der thematische Einstieg (1. Modul) für die Schülerinnen und Schüler in „Demokratie für mich“ erfolgt mit einer persönlich gestalteten Collage. Sie ermöglicht einen individuellen Zugang zur Fragestellung, was Demokratie für jede Schülerin und jeden Schüler persönlich bedeutet. Dafür haben wir im Vorfeld viele Zeitschriften unterschiedlichster Couleur gesammelt. Schon beim Zusammentragen der Zeitschriften in der Klasse blätterten die Schülerinnen und Schüler diese durch und kamen dabei über besondere Bilder ins Gespräch. Spontan sind einzelne Schüler von ihren Tischen aufgestanden und haben auf dem Boden begonnen ihre persönliche Collage zu gestalten.

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Ich war neugierig und habe versucht zu verstehen, warum die Teilnehmenden diese Begriffe und Bilder mit Demokratie assoziierten. Die Schüler waren motiviert und haben von sich aus versucht zu erklären, warum das ein oder andere Bild für sie etwas mit Demokratie zu tun hat. Dabei haben sie sich großartig unterstützt. Es war wichtig, dass es dabei um den Begriff der Demokratie ging und nicht über „Wie ist das in Deutschland?“. Es ist immer einfach diesen Vergleich zu ziehen und ich musste mich als Dialogbegleiterin zurückhalten.

So hat beispielsweise ein Schüler ein großes Stück Fleisch ausgeschnitten und gesagt: „Demokratie bedeutet für mich alles essen zu dürfen“ Darauf hin wies ihn ein anderer Schüler zurecht, dass dies nichts mit Demokratie sondern mit Religion zu tun habe. Anhand dieses Beispiels sieht man, wieviel Potential in dieser Herangehensweise liegt. Eine andere Schülerin hat angefangen Kleidung auszuschneiden. Jeder darf tragen was er will. Wieder ein anderer Schüler hat ein Paar, das sich küsst, ausgeschnitten. Man darf lieben wen man möchte. Einem anderen Schüler war es wichtig ein Tier auf seiner Collage zu platzieren. Der Umgang mit Tieren ist ihm wichtig. Die Schüler wollten die Begriffe auf Deutsch wissen und so ist eine Mindmap mit Begriffen wie Meinungsfreiheit, Freizügigkeit, Freiheit, Recht auf Bildung etc. an der Tafel entstanden. Es wurde über diese Begriffe gesprochen, die Bedeutung geklärt und auch diskutiert.

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Am Ende haben die Schüler in ihrem Arbeitsheft in ihren jeweiligen Muttersprachen festgehalten, was Demokratie für sie bedeutet. In einem Rundgang wurden die Plakate vorgestellt, sie konnten ihre Wirkung entfalten und ihnen wurde gegenseitige Wertschätzung entgegengebracht. Es entstand eine ruhige, nachdenkliche, wertschätzende, respektvolle Atmosphäre. Danach wurden Aspekte zentraler Begriffe wie 

Meinungsfreiheit, Respekt und der Schutz der Würde aller Menschen als Grundlage für das Miteinander in der Klasse im Rahmen von „Demokratie für mich“ besprochen und festgelegt – als Regelwerk für das Miteinander und den Umgang in der Klasse.


Gelten diese Rechte für jeden Menschen? Eine Frage, die sich nicht nur die Schüler aus meiner Klasse stellen sollten.

 

 

„Demokratie für mich“ – Ein Erfahrungsbericht (Teil 3)

Zusammenleben, Besitz und Eigentum - Mit dieser Unterrichtseinheit wird ein thematischer Bezug zur Lebenserfahrung der Teilnehmenden in ihren Heimat-/Herkunftsländern hergestellt. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Zusammenleben.

  • Wie sieht die typische Wohnung/das typische Haus aus?
  • Wer lebt darin?
  • Wer hält sich in welchem Zimmer gemeinsam auf und wer schläft mir wem in einem Zimmer?

dem2Mit selbst gezeichneten Grundrissen und figürlichen Symbolen zeigen die Teilnehmenden für sie typische Formen des Zusammenlebens. Gemeinsam wird den Fragen nachgegangen, was wo als Normalität angesehen wird und welche Formen des Zusammenlebens weniger gern gesehen, tabuisiert oder verboten sind. Essen, Trinken, Kleidung – vermeintlich banale Themen. Und dennoch bieten diese vielfältige Möglichkeiten sowohl des Erfahrungsaustauschs als auch des Lernzuwachses.

Zunächst erstellten die Schüler eine Mindmap zum Thema „Ernährung in meiner Heimat“. Dabei wurden den Schülerinnen und Schülern nicht nur landestypische Ernährungsweisen bewusst, sondern auch, wie international die Ernährung ist: Speisen wie Pizza, Kebab oder Pommes waren allen bekannt. Aber was sind Fufu oder Maniok? Wer frühstückt Brot mit Aufschnitt? Ernähre ich mich überhaupt landestypisch? In Kleingruppen tauschten sich die Schüler aus und erfuhren in dieser Lerneinheit nicht nur etwas über andere, sondern auch viel über sich selbst in Bezug auf (landestypische) Ernährung.

Von unserer Sozialpädagogin, die uns tatkräftig bei dem Bildungsvorhaben unterstützt hat, wurden wir in der nächsten Woche mit tollen Salaten, Brot und unterschiedlichen Pasten verwöhnt. Ein gelungener Abschluss. In der nächsten Unterrichtsstunde haben sich die Schülerinnen und Schüler dem Thema Kleidung gewidmet.

  • Was ziehe ich zu Hause an?
  • Was ziehe ich in der Schule oder im Alltag an?
  • Was ist die typische Kleidung zu Festtagen in meinem Heimat-/Herkunftsland?

Die Schülerinnen und Schüler haben verschiedene Bilder mit ihnen bekannter Kleidung herausgesucht und erzählt, welche traditionelle Kleidung sie noch aus anderen Ländern kennen. Auch unterschiedliche „Do’s“ und „Don’ts“ der Länder, Kulturen, Gegenden, Religionen, Lebensumfelder, im Klassenraum und im privaten Umfeld wurden diskutiert. Zwischen einigen Schülerinnen und Schülern begann eine Diskussion über Schuluniformen. In einer anderen Gruppe setzte man sich stärker mit der Kopfbedeckung von Männern auseinander und stellte fest, dass es ungeahnte Ähnlichkeiten in den unterschiedlichen Kulturen gibt („Kippa“ und „Takke“).

Dana Tiemann-Bockskopf, Fachlehrerin für Politik am bkh

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